Organisationen müssen sich angesichts vielfältiger Krisen rasch und gründlich wandeln. Doch wie gelingt das unter hohem Zeit- und Handlungsdruck? Der Marsch durch die Institutionen endet oft an versperrten Türen. Statt an ihnen erfolglos zu rütteln, können unkonventionelle und subversive Praktiken neue Tore zur Transformation öffnen. Sebastian Möller (Leuphana Universität) und Lars Hochmann von der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) haben unter Beteiligung einiger HfGG-Studierenden hierzu einen Gesprächsband veröffentlicht. Gemeinsam mit 23 „Organisationshackern“ aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erkunden sie darin, wie mit ungewöhnlichen Methoden eine neue, nachhaltige Arbeitswelt gestaltet werden kann. Über das Buch spricht Anne-Ly Redlich von der HfGG, die den Gesprächsband illustriert hat, mit Sebastian Möller.  

Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch über das „Hacken“ zu machen und was meint ihr genau mit diesem Begriff? 

Wann genau der Begriff des institutional hacking, den wir im Buch austesten und entwickeln, das erste Mal ins Spiel gekommen ist, weiß ich schon gar nicht mehr so ganz genau. Gestartet haben wir das Lehrforschungsprojekt im Oktober 2021, als ich selbst noch an der HfGG war. Damals waren auch einige deiner Kommilitonen dabei, die aus verschiedenen Gründen am Ende zwar nicht mit einem Kapitel im Buch vertreten sind, aber die die inhaltliche und methodische Ausrichtung des Buches dennoch mitgeprägt haben. Uns hat von Anfang an interessiert, welche Gestaltungsspielräume für die verschiedenen Facetten von Nachhaltigkeit es in Organisationen gibt und wie diese von kreativen und engagierten Organisationsmitgliedern genutzt werden. Wir wollten motivierende Geschichten gelungener Veränderung – im Großen wie im Kleinen – entdecken, verstehen und weitererzählen. Und wir wollten nicht über Menschen aus der Praxis, sondern mit ihnen forschen und schreiben. Damit war dann relativ schnell klar, dass wir kein konventionelles Buch machen werden. Schließlich gibt es davon auch echt schon viele.  

Sebastian Möller ist Politikwissenschaftler am Centre for Sustainability Management
der Leuphana Universität Lüneburg.

Im Laufe des transdisziplinären Forschungs- und Schreibprozesses haben wir dann gemeinsam immer mehr Klarheit über das „Hacken“ als einen spezifischen Modus der Organisationsgestaltung gewonnen. Für uns ist institutional hacking eine kreative, experimentelle, pragmatische, manchmal subversive aber stets unkonventionelle Form, in Organisationen wahrgenommenen Missständen jenseits des Dienstweges und eingespielter Routinen entgegenzuwirken. Das geht oft mit dem Brechen, Dehnen und Reformulieren der Spielregeln in der Organisation einher. Wir haben uns bewusst begrifflich bei der sozialen Gruppe bedient, die wir gemeinhin als Hacker kennen, denn auch sie suchen gemeinsam nach Abkürzungen, sind skeptisch gegenüber Autoritäten und versuchen an Stellen in Systeme einzudringen, um sie zu verändern, an denen das eigentlich nicht vorgesehen war. Nach der intensiven Lektüre und Reflexion aller empirischer Kapitel des Buches, haben mein Co-Herausgeber Lars Hochmann und ich gemeinsam eine Liste mit 11 charakteristischen Merkmalen des Hackens erstellt, die hoffentlich ganz gut zusammenfasst, was wir unter dem Begriff verstehen.  

  1. Spürsinn: Hacker dringen an Stellen in Systeme ein, an denen dies nicht vorgesehen war. Sie suchen spielerisch nach dem Weg des geringsten Widerstandes.
  2. Regelbruch: Hacker unterwandern Normen. Sie verändern Normalitätsvorstellungen durch Ersetzung, Versetzung oder Neusetzung von Regeln. 
  3. Regelselektivität: Hacker gehen beim Regelbruch strategisch und selektiv vor. Sie verwerfen manche Regeln und wenden andere gezielt gegen den Status quo. 
  4. Grenzverschiebung: Hacker loten Grenzen aus. Sie reizen, dehnen, stauchen oder verbiegen Regeln, dekonstruieren und rekonstruieren Bestehendes. 
  5. Pragmatismus: Hacker suchen nach hinreichenden Lösungen im Hier und Jetzt. Sie arbeiten mit gegebenen Mitteln, prototypisch und ohne Anspruch auf Perfektion. 
  6. Zweckentfremdung: Hacker rekombinieren Ressourcen. Sie übertragen Dinge, Wissen oder Praktiken in ungewöhnliche Kontexte oder neuartige Konstellationen. 
  7. Selbstermächtigung: Hacker werden aus eigener Kraft aktiv. Sie erweitern ihre Gestaltungsspielräume in Bereichen und Weisen, die so nicht vorgesehen waren. 
  8. Selbstbefähigung: Hacker lernen Gestaltung durch Gestaltung. Sie befähigen andere und sich selbst und lernen aus Rückschlägen und Irrtümern. 
  9. Reflexivität: Hacker verstehen ihre eigenen Handlungsvoraussetzungen. Sie hinterfragen anderes, andere und sich selbst und können ihre Praxis begründen. 
  10. Werteorientierung: Hacker wenden sich gegen Strukturen, die nicht mit ihren normativen Überzeugungen übereinstimmen. Sie gestalten mit Haltung und Purpose. 
  11. Gemeinschaft: Hacker identifizieren Verbündete mit ähnlichen Anliegen und arbeiten im Team. Sie fokussieren kollektiven, nicht individuellen Fortschritt. 

(Hochmann/Möller 2024, S. 407 f.) 

Durch institutional hacking wird also auf eine praktische und konkrete Art und Weise deutlich, dass Organisationen und ihre Arbeitsweisen auch ganz anders aussehen könnten. Übrigens hat auch deine Arbeit an den Illustrationen und das gemeinsame Nachdenken über mögliche bildliche Darstellung der verschiedenen Hacks zur Begriffsklärung beitragen! Diese Begriffsarbeit ist aber natürlich nicht abgeschlossen und wir würden uns wirklich sehr über Feedback und Fragen dazu freuen.  

Ja, für mich war es definitiv auch eine Herausforderung, einen so abstrakten Begriff wie “Hacking” grafisch darzustellen – und dann auch noch außerhalb seines ursprünglichen Kontexts. Ich denke, alles in allem ist es uns aber ganz gut gelungen, auch dank dem guten gemeinsamen Austausch über Ideen. Es hat auch Spaß gemacht, Aspekte wie das “Zweckentfremden” ins Bildliche zu bringen, zum Beispiel durch das Umfunktionieren von Formen, Kombination von verschiedenen Symboliken oder das Spiel mit verschiedenen Bildebenen. 

 „Organisationen hacken“ ist tatsächlich kein konventionelles Buch. Bei den einzelnen Kapiteln handelt es sich weder um klassische Sammelbandbeiträge mit Literaturverzeichnis noch um Interviews. Vielmehr können wir im Buch Gespräche nachlesen. Was steckt hinter dieser ungewöhnlichen Form?  

Stimmt. Wir betreten mit dem Buch tatsächlich methodisches Neuland. Es ist ganz schön gewagt, gleichzeitig einen neuen Begriff und eine neue Methode vorzuschlagen. Die Zeiten und Herausforderungen sind aber eben auch besondere. Wir glauben, dass transdisziplinäre Forschung, die konsequent auf die Co-Kreation von Wissen setzt und dabei verschiedenen Wissensformen integrieren möchte, um zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen, ihre Ergebnisse auch für ein möglichst breites Publikum zugänglich und verständlich machen sollte. Das Format des schriftlichen Gesprächs ist ein Angebot, das genau dieses Ziel verfolgt. Ob uns das gelingt, müssen andere beurteilen. Noch bedeutender ist aber aus meiner Sicht, dass sich die Gespräche stark von Experten- oder narrativen Interviews unterscheiden, die in der qualitativen empirischen Sozialforschung ja zum methodischen Standardrepertoire gehören. In den informal written conversations, wie wir sie nennen, heben wir die Trennung von Datenerhebung und Datenauswertung auf. Wir sortieren, reflektieren und interpretieren bereits in den schriftlichen Gesprächen, und zwar – und das ist mir besonders wichtig – gemeinsam. Deshalb sind natürlich auch beide Gesprächspartner Co-Autoren des jeweiligen Kapitels.  

 

Und wie sind die Kapitel genau entstanden? 

Die im Buch abgedruckten Texte sind dabei keinesfalls „nur“ die Wiedergabe des tatsächlichen Gesprächsverlaufes, sondern das Ergebnis einer intensiven gemeinsamen Arbeit am Text. Die Gespräche wurden meist über mehrere Wochen hin weg im Ping-Pong-Modus geführt. Dabei wurde das gemeinsame Word-Dokument immer wieder hin und her geschickt, Textstellen kommentiert und bearbeitet, neue Fragen ergänzt und beantwortet. Die Texte sahen zwischendurch echt wild aus! Das hat allen Beteiligten viel Energie und Geduld abverlangt aber zugleich eben auch intensive und iterative Lernprozesse auf allen Seiten ausgelöst. Ich würde fast sagen, dass das Buch schon in seiner Entstehungsphase eine transformative Wirksamkeit entfaltet hat. Jedenfalls hat sich für mich so angefühlt. Ähnlich wie bei der Begriffsarbeit bin ich auch in Bezug auf Methode und Publikationsform sehr auf Rückmeldungen und Leseeindrücke gespannt.  

Ich finde übrigens auch ganz unabhängig von diesem Buchprojekt, dass wir die Kunst, ein gutes Gespräch zu führen, vielmehr kultivieren sollten – und zwar gerade mit Menschen, die anders sind, denken und handeln als wir selbst. Wir brauchen deutlich mehr aufrichtiges Interesse an anderen Perspektiven. Mich beschäftigt schon länger die Frage, wie wir eine neue Gesprächskultur einüben und pflegen können. In den Gesprächen mit Viola, Corinna und Almut gibt es dazu wichtige Hinweise und das Buch ist insgesamt ein Plädoyer für Miteinanderreden. Mir gefällt besonders, dass bei den Geburtsjahrgängen im 30köpfigen Autoren-Team alle Jahrzehnte von den 1950er bis zu den 2000er Jahren vertreten sind und wir auf diese Weise unterschiedliche Generationen ins Gespräch gebracht haben.  

Wer ist die Zielgruppe eures Buchs? Wer sollte es unbedingt lesen?  

Unser Buch richtet sich an alle Menschen, die gerne anders arbeiten und sich nicht länger mit den Missständen in ihren Organisationen abfinden wollen. Gerade ihnen können die vielen Beispiele gelungener Veränderung Inspiration geben und Mut machen. Es ist ein Buch von und für Menschen, die nicht länger auf andere warten wollen, um die Welt nachhaltiger zu machen. Durch die breite Auswahl von Organisationsformen, -abläufen und -kontexten, ist wirklich für sehr verschiedene Interessen etwas dabei. Eigentlich haben die 23 Gespräche mindestens 23 Zielgruppen und das Tolle am Open Access ist ja, dass man sich nicht für oder gegen das ganze Buch entscheiden muss, sondern einfach ein einzelnes Gespräch lesen (oder verschicken) kann. Ich würde mich zum Beispiel wirklich freuen, wenn viele Lehrkräfte und Schulleitungen das Gespräch von Jens und Philip über „Schulen hacken“ lesen, wenn sich Handwerksmeister von Jessica inspirieren lassen oder Mitarbeitende und Kunden in der Gebäudereinigung durch Julias Erfahrungen neue Anregungen bekommen. Viele Kapitel sind aus meiner Sicht besonders für Unternehmer und Gründer sehr relevant. Hoffentlich stößt unser Buch auch in Universitäten und Hochschulen auf Interesse.

Du hast eben gesagt, das Buch hatte schon im Entstehungsprozess eine transformative Wirkung. Was hat sich für dich durch die Arbeit daran verändert? 

In einigen Gesprächen habe ich ja auch meine eigene Praxis reflektiert, insbesondere im Gespräch mit Theres über Arbeits- und Lernräume und im Gespräch mit Lars über Wissenschaft. Das hat mir geholfen, noch mehr Klarheit über eigene Ziele und Hebel zu bekommen. Insgesamt hat mir das Format ermöglicht, mich stärker als ganze Persönlichkeit im Forschungs- und Schreibprozess zu zeigen. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die ganz bestimmt auch Folgen für meine nächsten Projekte haben wird. Mir ist noch klarer als vor dem Projekt, wie wertvoll und persönlich bereichernd transdisziplinäre Forschung und wie wichtig es mir ist, mit meiner Arbeit einen transformativen Impact zu erzielen. Ich habe spannende Menschen kennengelernt und die Zusammenarbeit mit Menschen, die ich bereits kannte, intensiviert. Dadurch ist die Qualität meiner zwischenmenschlichen Beziehungen enorm gestiegen und es sind viele Ideen für Anschlussfragen und -projekte entstanden. Darüber hinaus habe ich große Lust bekommen, mich stärker in transformative Projekte jenseits meiner Arbeit als Forscher und Lehrender einzubringen, vielleicht in eine SoLaWi oder einem genossenschaftlichen Supermarkt. Frag mich gerne am Ende des Jahres nochmal, was daraus geworden ist!  

Da nehme ich dich beim Wort!

Dieser Beitrag wurde erstmals auf dem „studies4future“ Blog der HfGG veröffentlicht.

Unser Partner „Stay“ setzt auf die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung von afrikanischen Sozialunternehmern als Schlüsselfiguren im Kampf gegen Armut. Die Arbeit von Stay und wie Kleinbauern in Uganda und Kenia davon profitieren, stellen wir euch in diesem Beitrag anhand von konkreten Beispielen vor.

Vor zehn Jahren wurde die Stiftung Stay mit einer klaren Vision ins Leben gerufen: dem festen Vertrauen in die transformative Kraft unternehmerischen Handelns sowie in das unerschöpfliche Potenzial der Menschen in Afrika. Seitdem hat Stay gemeinsam mit uns unermüdlich daran gearbeitet, diese Vision in die Realität umzusetzen. Mit dem innovativen Getreideanbauprogramm Stay Seed setzen wir genau dort an, wo echte Veränderung beginnt – bei den Menschen vor Ort.

Wir investieren damit langfristig in die Zukunft afrikanischer Gemeinschaften. Durch die Bereitstellung von hochwertigem Saatgut, Fachwissen und professionellem Coaching unterstützen wir Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dabei, ihre Ernteerträge zu steigern und auf den Märkten erfolgreich zu sein. Damit tragen wir nicht nur zur Ernährungssicherheit bei, sondern schaffen auch neue Einkommensmöglichkeiten und fördern die lokale wirtschaftliche Entwicklung.

Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll:

1. Einheimische Sozialunternehmer und -unternehmerinnen entwickeln und betreiben unternehmerische Programme. Die engagierten Sozialunternehmer spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung von Programmen zur Förderung von Kleinbauern.

2. Sie schulen Kleinbauern, die in extremer Armut leben, im effizienten Anbau von Getreide, Gemüse, Holz oder in der Honigproduktion. Durch gezielte Schulungen und praxisnahe Anleitungen werden die Kleinbauern befähigt, ihre landwirtschaftlichen Fähigkeiten zu verbessern und nachhaltige Ernten zu erzielen.

3. Sie kaufen ihnen einen Teil der Ernte ab und verschaffen den Kleinbauern damit ein dauerhaftes Einkommen. Diese direkte Abnahme der Ernte durch die Sozialunternehmer stellt sicher, dass die Kleinbauern ein stabiles und nachhaltiges Einkommen erzielen können.

4. Die Sozialunternehmer verkaufen die Ernte auf den Märkten weiter und finanzieren aus dem Gewinn den nächsten Schulungszyklus. Durch den Verkauf der Ernte können die Sozialunternehmer nicht nur ihre eigenen Kosten decken, sondern auch die Finanzierung weiterer Schulungszyklen sicherstellen, um noch mehr Kleinbauern zu erreichen und zu unterstützen.

Dieses Kreislaufwirtschaftssystem trägt nicht nur zur Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung bei, sondern fördert auch die wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität in den ländlichen Gemeinschaften Afrikas.

Das Stay Seed Programm läuft bereits seit Februar 2021 und befindet sich derzeit in seinem fünften Zyklus. Insgesamt haben 950 Teilnehmer direkt von dem Programm profitiert, während weitere circa 7000 Menschen indirekt von den positiven Auswirkungen des Projekts begünstigt wurden. Trotz vergleichsweise geringer Projektkosten zwischen 15.000 und 50.000 Euro hat Stay Seed erhebliche Auswirkungen auf die Lebensgrundlage vieler Familien in Uganda und Kenia.

Die bisherigen Auswertungen zeigen, dass die teilnehmenden Familien ihre Ernteerträge z.T. erheblich steigern. In Uganda bewirtschaften typische Kleinbauern rund zwei Hektar ihres eigenen Landes. Sie nehmen am Programm Stay Seed teil, um ihre Erträge zu erhöhen und auf den Märkten mehr absetzen zu können. Die Getreideproduktion soll laut der ugandischen Regierung eine Schlüsselrolle dabei spielen, Uganda bis 2040 zu einem Land mit mittlerem Einkommen zu machen. Uganda verzeichnet enormes Potenzial für die ökologische Getreideproduktion durch steigende Nachfrage und geeignete klimatische, technische und politische Bedingungen.

An dieses vielversprechende Potenzial knüpft Stay an. Stay Seed durchlief in Uganda bereits den dritten und vierten Zyklus und konnte insgesamt 570 Familien neu aufnehmen. Diese Familien erhielten nicht nur Zugang zu hochwertigem Saatgut, sondern auch umfassende Schulungen über ökologische Anbautechniken und eine enge Betreuung durch Fachleute. Stanley Mwanika, einer der vier lokalen Partner des Programms, spielte eine entscheidende Rolle als Mittler und Abnehmer für die Erträge der Kleinbauern. Durch die gemeinsame Vermarktung erzielten die Familien nicht nur überdurchschnittliche Preise, sondern konnten auch ihre Ernteerträge deutlich steigern.

Die präzisen Zahlen veranschaulichen deutlich wie förderlich Stay Seed ist: Stanley’s Kleinbauern konnten im Schnitt rund 300 Kilo Bohnen oder Soja ernten, von denen sie etwa ein Fünftel für den Eigenbedarf nutzten und den Rest zu einem überdurchschnittlichen Preis an Stanley verkauften. Dies ermöglichte den Familien durchschnittliche Einnahmen von 180 Euro. Bei anderen Programmpartnern, die Mais, Sorghum und Hirse anbauten, konnten die Bauern ihre Erträge teilweise verdreifachen.

Auch in Kenia verzeichnet das Stay Seed Programm bedeutende Erfolge. Charles Nyakora, Leiter des Stay-Partners C-MAD, setzt dort auf den Anbau und Verkauf von Kürbissen. Durch die Schaffung von Sammelstellen für die Ernte werden die Transportwege der einzelnen Kleinbauern verkürzt. Zudem werden faire Preise sichergestellt. Durch diese Unterstützung können die Kleinbauern ein verlässliches Einkommen erzielen und gleichzeitig die lokale Lebensmittelversorgung stärken. Nach einem Jahr und drei Erntesaisons konnten die ersten 100 Familien im Schnitt 18 Kilogramm Kürbisse für sich behalten und den Rest zu guten Preisen verkaufen. Insgesamt wurden so circa 12 Tonnen Kürbisse weiterverkauft.

Diese Ergebnisse zeigen, dass das Stay Seed Programm nicht nur zur Ernährungssicherheit beiträgt, sondern auch ländlichen Gemeinschaften hilft, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Diese Fortschritte verdeutlichen, wie gemeinsame Anstrengungen und Investitionen in die Landwirtschaft die Lebensgrundlage von Kleinbauern in Afrika nachhaltig verbessern können.

Die Bedeutung von Stay Seed geht dabei über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus. Die Landwirtschaft ist die vorherrschende Erwerbsquelle in Afrika, doch viele Familien ernten viel weniger als sie könnten. Das Stay Seed Programm ermöglicht den teilnehmenden Familien den Zugang zu hochwertigem Saatgut und Anleitungen für ertragreichen Anbau. Durch die Förderung der Kleinbauern tragen wir gemeinsam dazu bei, dass sie ihre Ernteerträge erheblich steigern und somit gleichzeitig die Lebensmittelversorgung in der Region sicherstellen.

Unsere Förderung von Stay ist ein Versprechen für eine bessere Zukunft in Afrika, in der jeder Mensch die Chance hat, sein volles Potenzial zu entfalten. Lasst uns also gemeinsam die Kraft des Unternehmertums entfesseln und eine Welt schaffen, in der niemand zurückgelassen wird.

Der indische Umweltaktivist Ashish Kothari besuchte auf Einladung der Universität Kassel mehrere Kommunen und Wohngemeinschaften in Hessen und Niedersachsen. Hier teilt er seine (Außen-)Perspektive und Eindrücke mit uns.

Der größte Teil der nördlichen, industrialisierten Welt akzeptiert nur sehr langsam, dass er seinen Material- und Energieverbrauch drastisch reduzieren muss, wenn die Welt eine Chance haben soll, den vollständigen ökologischen Kollaps abzuwenden. Einige Teile der europäischen Gesellschaft zeigen jedoch, dass ein komfortables Leben trotz solcher Einschränkungen möglich ist, und dass dies in kollektiven, selbstorganisierten Gemeinschaften sogar erfüllender sein kann als das verbrauchsintensive, individualistische und oft einsame Leben, das viele derzeit führen. Daraus lassen sich auch wichtige Lehren für die Menschen im globalen Süden ziehen, von denen viele vom Glanz dieser verbrauchsintensiven Lebensstile angezogen werden.

Ashish Kothari ist Mitgründer der indischen Umweltorganisation Kalpavriksh

Vor kurzem besuchte ich einige Kommunen und Wohngemeinschaften in Deutschland. Es wäre übertrieben zu sagen, dass das, was ich gesehen habe, eine verortete Utopie (oder „Nowtopia,“ wie manche es nennen) war, aber es gab viele inspirierende Einblicke in umweltfreundliche Wege aus den vielfältigen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind – ökologisch, sozial, wirtschaftlich, politisch, kulturell, ethisch-spirituell. Zu sehen, wie diese Wege inmitten einer stark kapitalistischen, individualistischen und konsumorientierten Gesellschaft auftauchen und sich den Herausforderungen stellen, ist für mich ein starkes Zeichen der Hoffnung.

Ressourcen und Räume teilen

Mein erster Besuch galt der Fuchsmühle, einem „Commons“-Projekt, das von zwölf jungen Menschen im Jahr 2020 initiiert wurde. Ihr Hauptziel ist es, zu zeigen, wie ein gutes Leben durch die gemeinsame Nutzung von Räumen und Ressourcen anstelle von Privateigentum geführt werden kann. Es kombiniert eine Gemeingüterwirtschaft mit dem Widerstand gegen Herrschaft und Ausbeutung und verbindet all dies auch mit einer inneren Veränderung des Einzelnen. Neben Wohn-, Begegnungs- und Aktionsräumen gehören ein Waldgarten und Freiflächen für gemeinsame Aktivitäten zum Projekt. Im Laufe der Zeit sind über 30 weitere Personen hinzugekommen, von denen einige an verschiedenen Orten im Dorf leben, aber an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen. Neben den Räumen werden auch Ressourcen wie Fahrzeuge, Wasch- und Kücheneinrichtungen und anderes gemeinsam genutzt. Die Gemeinschaft versucht, sich im Dorf einzubringen, anstatt eine Blase für alternatives Leben zu bleiben: So betreibt sie unter anderem eine Lebensmittelkooperative, die mit einer solidarischen Landwirtschaft verbunden ist, und eine Arbeitsgruppe für Leerstände.

Der gemeinsame Aufenthaltsraum in der Fuchsmühle

Die Entscheidungsfindung in der Fuchsmühle orientiert sich an den Grundsätzen der Soziokratie. Die Mitglieder legen zu Beginn des Jahres in einer Vollversammlung ihre Strategiefest und reflektieren am Jahresende, was sie erreicht haben. Es gibt monatliche Treffen mit der gesamten Gruppe, um Themen zu besprechen, die für alle von Bedeutung sind, und um die Gemeinschaft zu stärken. Darüber hinaus gibt es monatliche Treffen, die sich auf emotionale Themen und auf die Gefühle der Menschen untereinander konzentrieren, die so genannten „Herzensrunden.“

Die meisten Entscheidungen werden von verschiedenen Arbeitsgruppen getroffen, je nach dem Auftrag, den sie vom großen Plenum erhalten haben. Jeder der Wohnbereiche ist auch eine eigene Gemeinschaft, mit wöchentlichen oder regelmäßigen Treffen – in gewisser Weise ist die Fuchsmühle ein Netzwerk von Gemeinschaften. Alle Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Mobilität werden geteilt, wobei jedes Mitglied seinen Beitrag zu den regelmäßigen Ausgaben leistet. Es gibt auch Arbeitsgruppen für spezielle Aufgaben.


Als Nächstes war ich eingeladen, die Lebensgemeinschaft und politische Kommune „gASTWERKe“ in der Nähe des Dorfes Escherode, nicht weit von Kassel entfernt, zu besuchen. Hier leben rund 25 Erwachsene und 20 Kinder.

Ashish Kothari im Gespräch mit Chris Herrwig und Steffen Emrich von den gASTWERKen

Gemeinsame Alltagsökonomie

Die gASTWERKe-Gemeinschaft erstreckt sich über eine Fläche von etwa elf Hektar. Sie beherbergt mehrere Wohneinheiten, teils gemeinschaftlich, teils individuell (einschließlich einiger Bauwägen),
Versammlungsräume, landwirtschaftlich genutzte Gebäude und Gärten, einen Laden und einen
Spielplatz für Kinder, eine große Gemeinschaftsküche und einen Essbereich, Geräteschuppen und Ställe für Haustiere. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind sehr unterschiedlich – Landwirte, Pädagogen und Akademiker, Handwerkende und andere Berufe finden sich hier.

Der gemeinsame Geräteschuppen der gASTWERKe

Einer der faszinierendsten Aspekte der gASTWERKe ist die Aufteilung der Einnahmen und Ausgaben. Es wird ein Jahresbudget für regelmäßige gemeinsame Ausgaben wie Lebensmittel, Infrastruktur, Mobilität und Reisen, aber auch für Kleidung, Schulgeld, Urlaub usw. aufgestellt. Dann werden die Einkommen der Mitglieder zusammengelegt, um diese Ausgaben zu decken. Wenn eine persönliche Anschaffung von mehr als 100 Euro getätigt werden muss, wird dies mit der gesamten Gemeinschaft besprochen – nicht so sehr, um eine Erlaubnis zu erhalten, sondern damit andere darauf hinweisen können, ob der Gegenstand bereits bei ihnen vorhanden ist oder ob etwas wiederverwendet oder recycelt werden kann.

Diejenigen Mitglieder, die keine großen finanziellen Mittel in den gemeinsamen Pool einbringen können, weil sie vielleicht nicht viel verdienen, bieten Sachleistungen an, wie Kinderbetreuung, Kochen, Arbeit in den Biobetrieben und Gärten oder Renovierung von Gebäuden. Der Grundgedanke ist, dass in einer Wirt schaft mit vielen Ungleichheiten ein solches Teilen dazu beiträgt, anzuerkennen, dass sowohl körperliche als auch geistige Arbeit gleich wichtig sind.

Eigenanbau und Biodiversität spielen eine wichtige Rolle bei den gASTWERKen

Bei all dieser gemeinsamen Nutzung ist es für die Mitglieder der Kommune deutlich günstiger, als wenn sie das Leben mit den gleichen Möglichkeiten auf eigene Faust bestreiten müssten. Außerdem müssen die Mitglieder zwar viel Zeit aufwenden, um sich an Entscheidungen zu beteiligen, aber sie sparen auch Zeit, da sich andere um bestimmte Aufgaben wie die Beschaffung von Lebensmitteln, die Landwirtschaft, die Kinderbetreuung usw. kümmern können. Etwa 50 Prozent des Lebensmittelbedarfs der Gemeinschaft (und etwa 95 Prozent des Gemüses) werden aus dem eigenen Betrieb gedeckt.

Dialog und Konfliktlösung nötig

All diese Initiativen haben zwar erhebliche Vorteile für die Bewohnerinnen und Bewohner (und für die Umwelt), sind aber auch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Das Leben in der Gemeinschaft bringt seine eigenen Schwierigkeiten mit sich, wenn es darum geht, ein Gleichgewicht zwischen der Gruppe und dem Bedürfnis des Einzelnen nach einem gewissen Maß an Eigenständigkeit herzustellen. Dies erfordert intensive Prozesse des Dialogs und der Konfliktlösung.

Hinzu kommen die Zwänge, die sich daraus ergeben, dass deutsche Rechtsvorschriften aller Art eingehalten werden müssen und dass man in einem größeren kapitalistischen Kontext mit dominanten Märkten lebt, die oft von willfährigen Regierungen unterstützt werden. Das bedeutet auch, dass viele Kommunen Handlungsspielräume innerhalb des Systems finden müssen, auch wenn sie sich eigentlich komplett dagegen wehren wollen.

Eine wichtige Strategie zur Bewältigung dieser und anderer Herausforderungen und Probleme ist das gegenseitige Lernen und die Unterstützung der Kommunen untereinander. Sechs von ihnen rund um die Stadt Kassel haben ein Netzwerk gegründet, das wiederum Teil eines größeren Netzwerks in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist: das Kommuja-Netzwerk.

Einige, wie die gASTWERKe, sind auch Teil des Globalen Ökodörfer-Netzwerks (GEN). Steffen ist Mitbegründer des deutschen Zweigs und Mitglied der europäischen und globalen Lenkungsgruppe. Ihm zufolge ist das Interesse an gemeinschaftlichem Wohnen in Deutschland sprunghaft angestiegen, vor allem im Zusammenhang mit der wachsenden Inflation und der Erkenntnis, dass Gemeinschaft angesichts von Krisen wie der Covid-Pandemie wichtiger denn je ist.

Was ich von der Kommunen- und solidarischen Wirtschaftsbewegung in Deutschland gesehen und gehört habe, gibt mir Hoffnung. Keine dieser Initiativen hat alle Antworten, und sie sind noch lange nicht stark genug, um das herrschende System zu überwinden. Aber ihre bloße Existenz und die Tatsache, dass sie wachsen, sind Elemente der Vorstellungen und Praktiken, die wir brauchen, um aus den lokalen bis globalen Krisen herauszukommen, denen wir gegenüberstehen.

Mehr erfahren:

Der Original Artikel in der deutschen Übersetzung von Verena van Zyl-Bulitta wurde in CONTRASTE – der Zeitung für Selbstorganisation veröffentlicht.

Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg sind sie Gründer unseres neuen Förderpartners kanthari. Hier stellen sie ihre großartige Initiative vor und verraten euch, was eine kleine, scharfe Chili damit zu tun hat.

Wir bezeichnen Personen, die sich mit Feuer und Leidenschaft, mit kritischem Denken und nachhaltigen Ideen für die Lösung sozialer und umweltbezogener Probleme einsetzen, als „kantharis“.

Warum? Die Kanthari ist eine kleine, aber sehr scharfe Chili, die überall im südindischen Kerala wild wächst. Man pflanzt und pflegt sie nicht, sie säht sich selbst aus. Wenn sie einmal Wurzeln geschlagen hat, übersteht sie jede Katastrophe. Sie ist resilient, und, obwohl sie nicht allen schmeckt, ist sie gesund, senkt den Blutdruck, wirkt reinigend und wird als effektives Schmerzmittel eingesetzt. Dazu macht sie wacher als ein starker Espresso.

Kanthari – eine kleine Chili mit großer Wirkung

Für uns verkörpert sie damit in gewisser Weise die Eigenschaften eines engagierten „Weltveränderers.“ Deshalb ist „kanthari“ auch der Name unseres internationalen Instituts für „Impact Leadership.“ Die Kleinschreibung ist dabei übrigens beabsichtigt, um unsere Sehnsucht nach einer hierarchiefreien Gesellschaft auszudrücken, in der sich alles und jeder „kleinschreibt.“

Aber kommen wir zurück zum Thema: Ein „Leadership-Institut?“ Haben wir nicht schon genug davon? Richtig, es gibt tausende solcher Leadership-Programme, von denen viele einen sozialen Fokus haben, da „Social Entrepreneurship“ im Trend liegt. Dennoch glauben wir, dass unser Institut eine entscheidende Lücke füllt. Worin liegen also die Unterschiede zu herkömmlichen Programmen?

Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg

Der erste Unterschied liegt im Auswahlverfahren. Wer besitzt die kanthari-Qualitäten und ist am besten geeignet, nachhaltige und positive Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen? Bei uns werden Bewerber nicht nach Schul- und Universitätsabschlüssen beurteilt. Wir setzen auf Persönlichkeiten, die selbst Krisen erlebt und überwunden haben. Sie kennen „ihr“ ausgewähltes Problem aus leidvoller Erfahrung und bewerben sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte sowie einem konkreten Ansatz für die nachhaltigen Lösung des Problems.

Das Alter, die Herkunft oder körperliche Einschränkungen spielen dabei kaum eine Rolle. Die zu lösenden Probleme beziehungsweise Themen der Teilnehmenden variieren ebenfalls. Einige bewerben sich mit Umweltprojekten, andere kommen aus dem alternativen Bildungsbereich, wieder andere aus Kriegsgebieten, um Friedensmaßnahmen einzuleiten.

Im Rahmen des 12-monatigen Programms leben und arbeiten die Teilnehmer sieben Monate zusammen auf dem kanthari-Campus. Dabei lernen sie spielerisch alles, was sie für den Aufbau und die Aufrechterhaltung einer Organisation mit sozialem oder umweltbezogenem Schwerpunkt benötigen.

Die „kantharis“ beim Lernen

Aufgrund der Vielfalt der Themen unserer Teilnehmer entwickelten wir ein eigenes, flexibles Curriculum, das auf den Prinzipien der Interdisziplinarität und des erfahrungsbasierten Lernens fußt. Es gibt keine Professoren auf der einen und Studenten auf der anderen Seite – stattdessen interagieren die „kantharis“ mit erfahrenen und äußerst engagierten Mentoren, die wir „Katalysatoren“ nennen.

Nach dem Abschluss des Programms kehren die kantharis in ihre Heimatländer zurück, wo sie ihre Projekte umsetzen und von unserem weltweiten Netzwerk an kanthari-Alumnis weiter unterstützt werden. Und der Lernerfolg lässt sich sehen: Von 280 Teilnehmenden aus 55 Ländern leiten mehr als 170 kantharis ihre eigenen Sozial- und Umweltprojekte. Auch die restlichen Teilnehmer sind erfolgreich unterwegs. Sie arbeiten zum Beispiel in höheren Regierungspositionen oder leitenden Funktionen in Unternehmen und Verbänden.

Der nachhaltige kanthari Campus im südindischen Trivandrum

Limbi und Israel sind zwei erfolgreiche Beispiele von kantharis, die dank der Programm-Teilnahme mit ihren eigenen Initiativen durchstarten konnten:

Limbi aus Kamerun stammt von einem Waldvolk, dessen Lebensgrundlagen bedroht sind. Nun setzt sie sich erfolgreich dafür ein, Wälder im Südwesten Kameruns vor der Abholzung zu bewahren. Dafür bildet sie Frauen ihres Stammes in der Ernte von alternativen Erzeugnissen aus dem Wald aus. Diese können jedoch nur geerntet werden, wenn die Frauen die entsprechenden Bäume schützen und neue pflanzen.

Ein weiteres inspirierendes Beispiel ist Israel aus Nigeria, der selbst 12 Jahre auf der Straße gelebt hat und erst im Alter von 22 Jahren Lesen und Schreiben erlernte. Er hat ein Zuhause für Straßenkinder gegründet, in dem er ihnen neue Perspektiven jenseits von Drogen und Kriminalität bietet. Die Kinder kommen freiwillig zu ihm, denn er kennt ihr Leben, verurteilt sie nicht und spricht auf Augenhöhe mit den Straßenkindern.

Diese Beispiele zeigen, wie kanthari-Teilnehmende aus ihrer eigenen Erfahrung heraus Veränderungen anstoßen und ihre Gemeinschaften positiv beeinflussen. Das kanthari-Institut bietet ihnen die Werkzeuge und Unterstützung, um ihre Initiativen erfolgreich umzusetzen und eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Unser Förderpartner kanthari im südindischen Trivandrum ermöglicht es benachteiligten Menschen aus aller Welt, zu echten Veränderern für eine gerechtere Welt zu werden. Oft haben die Teilnehmenden des kanthari Social Leadership Programms selbst Schlimmes erlebt, Herausforderungen überwunden und soziale Ausgrenzung besiegt. Mit Unterstützung unseres Partners möchten sie den nächsten Schritt gehen und die Probleme, mit denen sie selbst konfrontiert waren, nachhaltig lösen. Ein inspirierendes Beispiel hierfür ist Ifeoluwa aus Nigeria. Hier erzählt sie uns ihre bewegende Geschichte.

“Ich möchte mit anderen Kindern spielen!”
“Nein, das ist nicht richtig!”

“Ich möchte Krankenschwester werden!”
“Nein, das kannst Du nicht!”

Das sind Antworten, die ich mir seit meiner Kindheit wieder und wieder anhören musste. Aber die vermeintlich wirkliche Antwort wieso ich das uns das nicht kann oder tun darf – nämlich, dass ich nicht gesellschaftsfähig sei, da ich anders aussähe, kam nie.

Ich habe wegen meines Aussehens oft viele Tage ununterbrochen drinnen, in einem kleinem Raum verbracht, ohne nach draußen zu gehen. Mit Albinismus in Südwest-Nigeria geboren zu werden, machte mich zur Außenseiterin. “Als ich Dich im Krankenhaus geboren hatte, dachte ich, die Krankenschwestern hätten mein echtes Kind gegen Dich ausgetauscht! Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Kind wie Dich zu haben! Ich hatte Angst, Dich zu berühren und Dich zu stillen,” sagte meine Mutter. Aber trotz ihres fehlenden Wissens über Albinismus akzeptierte sie mich als ihr geliebtes Baby, auch als jeder andere seine eigene Meinung zu mir zum Besten gab.

Während meiner Kindheit musste ich mir immer wieder die gleichen Kommentare anhören. Viele machten verletzende Bemerkungen über meine Mutter. Sie beschuldigten sie der Untreue oder des Diebstahls. Einige glaubten sogar, Gott habe sie bestraft für ihre früheren Sünden. Meine Mutter ertrug diese Anschuldigungen klaglos. Sie opferte alles, um mich zu schützen.

Nachdem mein Vater uns verlassen hatte, war es für sie sehr schwierig, sich um uns Kinder zu kümmern. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich einer der Gründe war, warum alles in die Binsen ging.

Meine Geschwister zogen bald aus und lebten fortan bei anderen Verwandten. Es gab Situationen, in denen die Leute meine Mutter aufforderten, meine Haare oder meine Nägel abzuschneiden, um sie als Talisman zu verkaufen, oder auch, mich gleich ganz wegzugeben. In Nigeria erfuhr man aus den Medien, dass Menschen mit Albinismus Geister seien und besondere Kräfte hätten und dass ihre Körperteile anderen Glück bringen würden. Das alles machte meiner Mutter große Angst. Sie reagierte darauf, indem sie mich praktisch einschloss, mich für lange Zeit von allen Kindern fern hielt und ich so erst sehr spät in die Schule kam – immer in dem Glauben, dass dies das Beste für mich sei. Deshalb begann ich die Grundschule viel zu spät, erst im Alter von neun Jahren, im Gegensatz zu meinen anderen Geschwistern.

Als ich schließlich zur Schule ging, hatte ich eine Lehrerin, die offen ausdrückte, wie gruselig sie mich fand. Mitschüler nannten mich verschiedene Namen wie „Afin Boro“ (weißes Gespenst), sie versteckten meine Sachen und ließen mich vor allen danach suchen. Sie zwangen mich sogar zu tanzen, während sie hämische Lieder über mich sangen. Ich war sehr traurig. Meine Mutter war in dieser Zeit meine Trostquelle. Sie nahm mich in den Arm, half mir bei den Hausaufgaben, erzählte mir Geschichten und sorgte dafür, dass ich lernte, wie man einen Haushalt führt. Es gab nur sie und mich – und dann starb sie!

Ich zog zu meiner Schwester, aber die Situation verschlimmerte sich. Unter dem Vorwand, mich zu schützen und unnötige Fragen von Leuten zu vermeiden, durfte ich das Haus nicht verlassen und musste alle Hausarbeiten erledigen.

Trotz alledem hatte ich niemals einen Hass auf meine Identität entwickelt. Ich mochte mich, wie ich war und wie ich aussah. Manchmal versuchte ich, mit meinen Geschwistern über meine Zukunft zu sprechen. Ich war an Modedesign interessiert, ich wollte Schauspielerin werden und dann hatte ich die Idee, Krankenschwester zu werden. Aber alles, was ich von ihnen hörte, war: “Ist das angemessen für jemanden wie Dich?” Oder “Gehörst Du dorthin?” Und wenn ich weiter nachfragte, bezeichneten sie mich als stur und undankbar. Ich verlor das Interesse, mit meinen Geschwistern zu sprechen.

Im Jahr 2020 erlangte ich meine Freiheit, als die Familie meiner Schwester in die USA auswanderte und ich alleine das Haus hüten sollte. Ich lebte auf und begann, als Freiwillige Menschen mit Behinderungen zu unterstützen.

Ich nahm an Schulungen teil und engagierte mich mehr und mehr in Organisationen für Menschen mit Behinderungen. Eines Tages traf ich jemanden, der mich zu einer Stiftung für Menschen mit Albinismus brachte. Da begegnete ich zum ersten Mal anderen Menschen, die so aussahen wie ich.

Damals wurde mir bewusst, dass viele Kinder mit Albinismus unter ähnlichen Zuständen wie ich großgeworden sind. Manche wurden vollkommen vernachlässigt oder wie ich überbehütet. Viele litten unter Mobbing und andere erfuhren Gewalt. Da die meisten Eltern nicht wirklich aufgeklärt sind, haben sie den Irrglauben über Albinismus verinnerlicht. Und auch Lehrer tun nichts dagegen, dass betroffene Kinder in der Schule diskriminiert werden.

Als Kind habe ich mir oft eine Welt vorgestellt, in der sich alle für Menschen mit Albinismus stark machen und sie gegen Ausgrenzung verteidigen. Als Teilnehmerin des kanthari-Programms für Social Leadership konnte ich zusammen mit einer einzigartigen Gemeinschaft aus der ganzen Welt die entscheidenden Werkzeuge und Fähigkeiten erwerben, um meine eigene Organisation zu gründen, die genau das zum Ziel hat – eine Welt ohne Diskriminierung.

Der Name meiner Organisation, Ìrètíọla, bedeutet „Hoffnung für morgen“. Wir sind eine gemeinnützige Organisation, die in Nigeria mit Kindern und Jugendlichen mit Albinismus zusammenarbeitet. Unser Fokus liegt darauf, Herausforderungen zu bewältigen, Missverständnisse in der Gesellschaft abzubauen und sicherzustellen, dass diese wundervollen jungen Menschen die gleichen Chancen auf ein erfülltes Leben haben wie alle anderen. Ìrètíọla setzt sich dafür ein, das Bewusstsein in der Gesellschaft zu schärfen, das Selbstvertrauen von Kindern mit Albinismus zu stärken und ihnen Ressourcen zur Unterstützung bereitzustellen.

Unser Ìrètíọla-Team besucht Schulen und verwendet Comics und spannende Geschichten, in denen Kinder mit Albinismus die Hauptrollen spielen, um das Thema zu enttabuisieren und andere Perspektiven aufzuzeigen. Wir möchten ein besseres Verständnis für die Erkrankung schaffen und gleichzeitig Vorurteile abbauen. Darüber hinaus besuchen wir Krankenhäuser, insbesondere Mutter-Kind-Stationen, um Eltern über Albinismus aufzuklären.

Durch diese und viele andere Initiativen verändern wir die Denkweise der Menschen über Albinismus. Betroffene sehen sich nicht mehr als alleinige Außenseiter, und die breite Öffentlichkeit versteht, dass Albinismus eine medizinische Ursache hat und kein Fluch ist. Mein Ziel ist es, dass Menschen mit Albinismus nicht mehr diskriminiert werden, selbstbewusst voranschreiten können und ihren eigenen, selbstbestimmten Weg gehen.

In unserer Reihe „Meet the ChanCeMakers“ stellen wir euch inspirierende Organisationen und mutige Menschen vor, die neue Chancen für andere schaffen und zu einer gerechteren und zukunftsfähigen Welt beitragen. In dieser Folge spricht Patrick Knodel mit Kishoth Navaretnarajah, dem Co-Gründer unseres Förderpartners DreamSpace Academy.

Entdecke die inspirierende Arbeit der DreamSpace Academy, die benachteiligten jungen Menschen im vom Bürgerkrieg stark betroffenen Osten Sri Lankas neue Zukunftschancen eröffnet. DreamSpace setzt auf eine einzigartige Verknüpfung von Bildung, Innovation und Unternehmertum, um lokale Arbeitsplätze, Initiativen und Startups zu schaffen. Dadurch werden nicht nur neue Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung generiert, sondern auch soziale und ökologische Probleme aktiv angegangen.

Erfahre mehr über die Herausforderungen, denen sich die Region nach dem Bürgerkrieg gegenübersieht, und wie die DreamSpace Academy daran arbeitet, ein veraltetes, koloniale Bildungssystem zu revolutionieren und jungen Menschen die Möglichkeit gibt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Sri Lanka nach dem Bürgerkrieg – Neue Zukunftschancen für die junge Generation

Unser Förderpartner, die DreamSpace Academy in Sri Lanka, bietet Menschen wie Michael die Chance, ihre vielfältigen Talente zu entdecken und weiterzuentwickeln. Die „Lern-Labore“ der DreamSpace Academy reichen dabei vom „Media Lab“ bis zu Laboren für Biotechnologie und Meeresforschung.

Weitere „Learning Labs“ ermöglichen der lokalen Bevölkerung den Erwerb neuer Fähigkeiten in Bereichen wie Softwareentwicklung & IT, Mechanik, Elektronik, oder auch Musikproduktion. In letzterem Bereich hat Michael seine Leidenschaft gefunden. Sein Traum ist es, ein bekannter Musiker in Sri Lanka und darüber hinaus zu werden. Zum Weihnachtsfest teilt er sein tamilisches Weihnachtslied „Pirappin Ragasiyam“ („Das Geheimnis der Geburt“) mit uns.

Wir wünschen euch allen „Naththaar Vaalthukkal!“ – frohe Weihnachten!

Zusammen mit unserem Förderpartner International Justice Mission Deutschland e.V. (IJM) setzen wir uns für die Befreiung von Menschen aus Arbeitssklaverei und ausbeuterischen Verhältnissen ein. Während heute mehr Menschen denn je von Schuldknechtschaft und Versklavung bedroht sind, geben uns Geschichten wie die von Suriya Mut und Hoffnung. Zusammen mit euch und unseren Partnern vor Ort können wir Menschen vor Gewalt und Sklaverei schützen und ihnen neue Lebenschancen ermöglichen!

Suriya lebte als unbekümmerter Fünftklässler in einem kleinen Dorf in Indien. Nach der Schule spielte er, wie jedes andere Kind, am liebsten jeden Tag mit seinen Freunden. Eines Tages, so malte er es sich aus, wird er ein Pilot sein. Innerhalb nur weniger Monate sollten seine Träume jedoch in unerreichbare Ferne rücken.

Eine Naturkatastrophe führt zur Tragödie

Als ein verheerender tropischer Wirbelsturm das Haus von Suriyas Familie zerstörte, wurde sein Vater so schwer verletzt, dass er einige Tage später im Krankenhaus verstarb. Suriyas Mutter Chithra hatte keinerlei Ersparnisse, um für die Behandlungskosten und dann die Beerdigung ihres Mannes aufzukommen.

Ein wohlhabender Viehbesitzer aus einem Nachbarort, namens Mahalingam, bot ihr ein Darlehen an, um die Kosten von 36.000 Rupien (etwa 400 Euro) zu begleichen. Im Gegenzug sollte Suriya mit ihm gehen und die Schulden als Ziegenhirte abarbeiten.

Der verzweifelten Chithra blieb keine andere Wahl, als das Darlehen anzunehmen – im Tausch gegen die Freiheit ihres zehnjährigen Sohnes. So begann Suriyas Leben in Schuldknechtschaft.

Leben in Angst und Einsamkeit

Nach der Beerdigung seines Vaters drehte sich Suriyas Leben nur noch um die Ziegenherde, die er zu versorgen hatte. Jeden Tag musste er vor Sonnenaufgang aufstehen, um ganz alleine die 200 Tiere über die Felder zum Grasen zu treiben. Nicht selten lief er kilometerweit unter der sengenden Sonne, um frische Weiden zu finden.

Ein wässriger Reisbrei war meistens die einzige Mahlzeit, die Suriya von Mahalingam erhielt. Wenn eine der Ziegen verloren ging, bekam der Junge so lange nichts zu essen, bis er das Tier wiedergefunden hatte.

Suriya lebte in ständiger Angst davor, etwas falsch zu machen und dafür von Mahalingam beschimpft und geschlagen zu werden. Nachts schlief er auf den Feldern zwischen den Ziegen, umgeben von Schlangen, Skorpionen und Insekten, oft durchnässt von Regen.

„Zuerst hatte ich Angst, aber dann sah ich ein, dass mein Leben jetzt immer so bleiben würde, ohne Ausweg,“ erzählt Suriya heute. „Ich fürchtete mich vor dem Einschlafen, weil ich nicht davon träumen wollte, wie mein Leben früher einmal war.“

Eine folgenreiche Begegnung

Eines Tages, als Suriya seine Herde auf eine Weide führte, sprach ihn ein Fremder an und erkundigte sich freundlich nach seiner Arbeit. Der Fremde war ein verdeckter Ermittler von SHED, einer der lokalen Partnerorganisationen, die unser Förderpartner IJM schult, um Menschen in Ausbeutung und Schuldknechtschaft zu finden und zu befreien.

Mit den Erkenntnissen des Ermittlers alarmierte SHED die lokalen Behörden, um Suriyas Fall gemeinsam nachzugehen. Einige Tage später fanden sie den Jungen in der weitläufigen Landschaft wieder und brachten ihn in Sicherheit.

Der Ziegenbesitzer Mahalingam wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen. Auf eine richterliche Anweisung hin musste er Suriyas Familie eine Entschädigung von 50.000 Rupien (etwa 580 Euro) zahlen.

Der zuständige Richter entschied außerdem, ein Verfahren wegen Ausbeutung eines Minderjährigen gegen ihn einzuleiten. IJM wird Suriya und seine Familie mit einem Rechtsbeistand durch den Prozess begleiten.

Träumen in Freiheit

Heute ist Suriya glücklich, wieder bei seiner Mutter und seinen drei Geschwistern zu sein. Er hat zurückgefunden zu seinem unbekümmerten und hoffnungsvollen Wesen von früher. Endlich kann er wieder mit seinen Freunden spielen und in die Schule gehen.

„Als ich Suriya das erste Mal sah, wirkte er eingeschüchtert und tief betrübt,“ erinnert sich SHED Ermittler Jai. „Aber in der Nachsorge hat er gelernt, Vertrauen zu fassen und wieder Kind zu sein. Er will sich mutig dem Leben stellen und seinen Träumen nachjagen, Pilot oder Polizist zu werden. Sein unermüdlicher Antrieb ist eine Inspiration für mich.“

IJM und SHED unterstützen Suriyas Familie dabei, das Trauma durch den Tod des Vaters und die Erfahrung der Ausbeutung zu überwinden. Mit staatlichen Zuwendungen und einer guten Bildung für die Kinder soll die Familie die Grundlagen erhalten, um sich eine sichere Zukunft in Freiheit zu schaffen.

Zehn Tage lang war ich in Sri Lanka und Indien unterwegs, um mit unseren Förderpartnern zu sprechen, mich mit der lokalen Bevölkerung auszutauschen und mehr über die lokalen Gegebenheiten, Herausforderungen vor Ort und die positive Wirkung unserer Stiftungsarbeit zu lernen.

Dabei habe ich immer wieder eines festgestellt: Ganzheitliches Denken und Handeln ist der wichtigste Hebel, um nachhaltige und wirksame Veränderungen zu erreichen. Dies gilt für alle übergreifenden Bereiche, in denen unsere Förderpartner in Südasien tätig sind – egal ob es um Bildung, gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, ein selbstbestimmtes Leben für alle oder zukunftsfähige Lebensräume geht.

Ein perfektes Beispiel hierfür ist die DreamSpace Academy in Batticaloa an der wunderschönen Ostküste Sri Lankas. Die knodel foundation unterstützt die von der Organisation entwickelte „Lifecycle-Initiative,“ ein personalisiertes, jeweils 18-Monate langes Empowerment-Programm, das darauf abzielt, die nächste Generation von lokalen Changemakern zu fördern und innovative soziale und ökologische Impact-Unternehmen in ganz Sri Lanka aufzubauen.

Das Programm selbst ist erfrischend transdisziplinär aufgestellt und durchbricht konventionelle Denk- und Lernmuster. Alle Teilnehmenden durchlaufen zunächst Trainings und Workshops an verschiedenen „Lern-Laboren.“ Diese reichen vom „Media Lab,“ an dem alles von Fotografie, dem Konzipieren, Drehen und Bearbeiten von Videos, visueller Gestaltung und Social Media Marketing erlernt werden kann, bis zum Labor für Biotechnologie, an dem neue, bahnbrechende Forschungen zum Lösen von ökologischen Problemen durchgeführt werden. Die vorhandene Ausstattung und Forschungsmöglichkeiten am Bio-Labor übersteigen dabei sogar oft die Möglichkeiten und Fähigkeiten der meisten Hochschulen im Land und bieten ein einzigartiges Umfeld und vielversprechende Chancen für die lokale Bevölkerung.

Weitere „Learning Labs“ ermöglichen den Teilnehmenden den Erwerb neuer Fähigkeiten in Bereichen wie Softwareentwicklung & IT, Mechanik, Elektronik, oder auch Musikproduktion und Meeresforschung. Auf dieser Grundlage spezialisieren sich die Lernenden daraufhin in einem oder mehreren Feldern und arbeiten zusammen mit den jeweiligen Lernlaboren sowie Mentoren und Mentorinnen aus der ganzen Welt. Dem Prinzip des von der DreamSpace Academy entwickelten „Challenge-based Learning“ Modells folgend gründen die Programmteilnehmenden schließlich ihr eigenes Impact-Unternehmen, um drängende soziale und ökologische Probleme zu lösen.

Während meines Aufenthalts konnte ich mit einigen ehemaligen Teilnehmenden sprechen und einen Teil der neuen, von der knodel foundation geförderten Kohorte kennenlernen. Der Großteil der Teilnehmenden stammt aus Batticaloa und Mullaitivu, zwei Distrikten, die noch immer die Auswirkungen des 2009 zu Ende gegangenen Bürgerkriegs spüren. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zeigt etwa, dass mehr als 65 % der Bevölkerung in Batticaloa und Mullaitivu „multidimensional gefährdet“ sind, insbesondere in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Katastrophenvorsorge und allgemeinen Lebensstandards.

Aus diesem Grund verfolgt die DreamSpace Academy das Ziel, ein sich selbst tragendes Ökosystem für Changemaker, Erfinder, Sozialunternehmer und Problemlöser aufzubauen. Dies schafft eine einzigartige Innovationszone im noch immer von der Landespolitik vernachlässigten Osten Sri Lankas. Diese Zone eröffnet vor allem jungen Menschen neue Chancen und Perspektiven und packt die zugrunde liegenden sozio-ökonomischen und ökologischen Probleme an der Wurzel.

Um ihre Vision zu verwirklichen, verfolgt die DreamSpace Academy einen ganzheitlichen Ansatz, der neben dem Lifecycle-Programm eine ganze Reihe andere Initiativen und Programme umfasst, um möglichst viele Menschen auf verschiedenen Ebenen zu erreichen. So können die Lernlabore auch jederzeit von der lokalen Bevölkerung genutzt werden. Frei zugängliche Workshops und Trainings helfen den Menschen dabei, sich weiter zu qualifizieren und neue, gefragte Fähigkeiten zu erwerben.

Aufstrebenden Unternehmern und Start-up-Gründern bietet die DreamSpace Academy eine Plattform für Forschung & Entwicklung. Sie berät sie beim Aufbau und der Erweiterung ihrer Geschäftsmodelle und unterstützt sie bei der Sicherung von Anlauffinanzierungen. Einige der von der DreamSpace geförderten Unternehmer und Unternehmerinnen konnte ich bei meinem Besuch in Batticaloa vor Ort treffen.

Roshan Patrick, der Gründer von „Mahaa Industries,“ produziert Bio-Kokosnussöl und verarbeitet die Kokosnussschalen, die sozusagen als Ausschuss bei der Produktion abfallen, zu Kokoskohle – eine nachhaltige und gesunde Alternative zur Holzkohle. Gokiladevi Ranjithkumar, die Gründerin von „Naga Pasumai,“ arbeitet mit Kleinbauern und Kleinbäuerinnen aus der Region zusammen, um gesunde Gewürzmischungen herzustellen, die sie vermarket und verkauft.

Jayanthan Amalanathan gründete das Startup „SPM Enterprise,“ das innovative technologische Lösungen in den Bereichen Software, Mechanik, Elektronik und Business Development entwickelt. Die erzielten Einnahmen werden von Jayanthan und seinem Team unter anderem in umweltfreundliche Initiativen investiert, insbesondere im Bereich Recycling.

Als Partner von lokalen, oft unterfinanzierten Schulen organisiert die DreamSpace Academy zudem regelmäßige Innovationsworkshops. Diese ermöglichen benachteiligten Kindern und Jugendlichen einen vertieften Zugang zu STEAM-Fächern (Science, Technology, Engineering, Arts, Maths) und fördern ihren Erfindergeist bereits im frühen Alter. Während meines Besuchs hatte ich die Gelegenheit, einen dieser Workshops an einer öffentlichen Schule zu besuchen.

Dabei zeigte sich, dass die Schule zwar über zahlreiche Computer verfügt, die von einer Hilfsorganisation gespendet wurden, diese allerdings nicht effektiv nutzen kann: Einerseits kann sich die Schule die monatlichen Gebühren für den Internetzugang nicht leisten, andererseits sind die Lehrkräfte nicht ausreichend qualifiziert, um weiterführende Fähigkeiten an die Schulkinder zu vermitteln. Aus diesem Grund führt die DreamSpace Academy nicht nur Workshops durch, sondern trainiert auch ausgewählte Lehrer und Schüler, die ihr erworbenes Wissen dann innerhalb der Schule weitergeben können. Das „Training of Trainers“ gewährleistet somit die langfristige Wirksamkeit des Programms.

Die vielen, facettenreichen Initiativen der DreamSpace Academy, die Motivation und Leidenschaft des jungen Teams sowie die Vision, die Ostküste Sri Lankas zu einem Innovations-Hub zu entwickeln, haben mich sehr beeindruckt. Durch die wirkungsvolle Arbeit der Organisation werden benachteiligte Menschen zu Changemakern für eine bessere, zukunftsfähige Welt – genau das, was wir als Stiftung anstreben.

Auch der nächste Stopp auf meiner Projektreise verdeutlichte erneut, dass benachteiligte Menschen eigenverantwortlich handeln und eine nachhaltige Zukunft für sich, ihre Familien und ihre Heimat schaffen können. In den Sundarbans, dem größten Mangrovenwald der Erde, etwa zwei Stunden Autofahrt von der indischen Megametropole Kalkutta entfernt, traf ich Kleinbäuerinnen, die mit unserem Förderpartner „amar khamar“ („meine Farm“) zusammenarbeiten.

Wie in ganz Indien wurde auch dort mit tatkräftiger Unterstützung der Entwicklungshilfe-Industrie der Einsatz von chemischen Pestiziden und Düngemitteln sowie genetisch modifizierten Saatguts systematisch beworben und erzwungen. Dies führte zu einer im wahrsten Sinne des Wortes tödlichen Spirale: Die stetige Verschlechterung der Bodengesundheit und zunehmende Resistenz von Pflanzen gegen chemische Mittel zwangen die Bauern zu eiem immer intensiveren Einsatz von ebendiesen chemischen Mitteln und modifizierten Saatgut (was für die herstellenden Firmen gleichbedeutend mit mehr Umsatz ist). Gesundheitsschäden durch das Versprühen der giftigen Mittel ohne ausreichenden Schutz als auch durch den Verzehr der Produkte waren und sind dabei ein von der Entwicklungsindustrie in Kauf genommener „Nebeneffekt.“ Gleichzeitig führte die „Grüne Revolution“ bei niedrigerer Produktivität und Ernteausfällen aufgrund von Dürre oder Naturkatastrophen zu steigenden Schulden und dem tragischen Suizid von 400.000 Bauern in Indien zwischen 1995 und 2018 – das entspricht etwa 48 Selbstmorden pro Tag.

Auch heute noch ist die Verzweiflung besonders unter Kleinbauern und-bäuerinnen groß, wenn sie keine Alternative zur Schuldenfalle der „Grünen Revolution“ haben. Gerade deshalb ist es so immens wichtig, dass es Sozialunternehmen wie amar khamar gibt.

Ziel unseres Partners ist es, so vielen Kleinbauern wie möglich den Umstieg auf umweltfreundlichen Bio-Anbau zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, werden den vor allem weiblichen Bauern Trainings und Workshops angeboten, die von „Modell-Bäuerinnen,“ die bereits auf den Bioanbau umgestiegen sind, geleitet werden und bei ihnen auf den Feldern stattfinden. Dieses „Peer to Peer Learning“ ist äußerst effektiv und schafft ein sich ständig erweiterndes Netzwerk.

Amar khamar unterstützt auch den Aufbau lokaler Saatgutzentren und Pflanzenschulen, um indigenes Saatgut an die Bauern zu verteilen. Dieses lokale Saatgut, das durch die Grüne Revolution verdrängt wurde, ist besser an die lokale Umwelt und die Auswirkungen des Klimawandels angepasst und kommt ohne den Einsatz chemischer Mittel aus. Angewandte Forschung in Zusammenarbeit mit den Kleinbäuerinnen auf ausgewählten Feldern bezüglich der Produktivität verschiedener Saatgutsorten und umweltfreundlicher Techniken ist ebenfalls Teil der Arbeit.

Das anfängliche Training und die Bereitstellung von lokalem Saatgut sind jedoch nur ein Teil des ganzheitlichen Ansatzes von amar khamar – auch hier zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, ganzheitlich zu denken und zu handeln. Denn gleichwohl bedeutet ökologische Landwirtschaft auch eine intensivere Arbeit, wofür die Bauern dementsprechend kompensiert werden müssen, um Bioananbau langfristig und nachhaltig betreiben zu können.     

So befähigt amar khamar die Bäuerinnen, möglichst effektiv – das heißt, saisonal und divers – zu produzieren, indem sie auf mehrere Reissorten und andere Produkte wie Honig und Gewürze setzen. Außerdem werden Trainings zur lokalen Weiterverarbeitung der Erzeugnisse angeboten. Dadurch entstehen zum Beispiel aus Reis verschiedene Produkte wie Reismehl, gepuffter, vorgegarter oder geplätteter Reis, für das die Bäuerinnen einen höheren Einkaufspreis erzielen.

Amar khamar bietet den Bäuerinnen zudem eine Abnahmegarantie, bindet sie jedoch nicht exklusiv an das Sozialunternehmen, wodurch ihre Flexibilität erhalten bleibt. Die verschiedenen Produkte werden auf der Website von amar khamar sowie im Ladengeschäft des Unternehmens in Kalkutta an urbane Konsumenten verkauft, die bereit sind, einen etwas höheren Preis für gesunde Bioprodukte zu zahlen, was den Bäuerinnen ebenfalls ein höheres Einkommen verschafft.

Auf diese Weise hat unser Förderpartner ein vollständiges Ökosystem für Bioanbau in Indien geschaffen. Davon profitieren nicht nur die Verbraucher, die einen direkten Zugang zu gesunden Lebensmitteln haben, sondern vor allem auch die Bäuerinnen, wie sie mir selbst berichteten. Sie glauben daran, dass sie und ihre Familien eine Zukunft in der Landwirtschaft und in ihrer Heimat haben.

Derzeit profitieren rund 750 Kleinbauern, von denen 70 % weiblich sind, von der Zusammenarbeit mit amar khamar. Durch sein Geschäftsmodell bewahrt das Sozialunternehmen mittlerweile über 300 indigene Reissorten und trägt somit zum Erhalt lebenswichtiger Biodiversität bei.

Amar khamar und DreamSpace Academy – zwei unterschiedliche Förderpartner der knodel foundation, die dennoch viele Gemeinsamkeiten teilen: Durch ihre umfassende und ganzheitliche Herangehensweise in Ökosystemen schaffen sie nachhaltige Strukturen, die nicht nur einzelnen Menschen auf individueller Ebene helfen, sondern auch ganze Gemeinschaften und Regionen langfristig positiv verändern. Auf diese Weise tragen sie entscheidend dazu bei, eine zukunftsfähige Welt sowohl für die Menschen vor Ort als auch für uns alle zu gestalten.

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