Sozialer Wandel als Geschäftsmodell – ein Reisebericht aus Uganda

Im Mai diesen Jahres hatte ich die Gelegenheit, die Arbeit unseres neuesten Projektpartners, Yunus Social Business (YSB), vor Ort in Uganda kennenzulernen. YSB – eine Initiative des bangladeschischen Nobelpreisträgers Muhammad Yunus – fungiert als eine Art globaler Anlagefonds, der in lokale Sozialunternehmen (social businesses) investiert, welche einen klaren Mehrwert für die ärmsten Bevölkerungsschichten erzeugen. In Uganda unterstützt YSB vor allem Sozialunternehmen aus dem Agrarsektor, welcher nach wie vor mehr als 70 % der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt.

Für Sozialunternehmen – welche nicht auf maximalen Profit ausgerichtet sind, sondern im Kern einen wichtigen sozialen Zweck verfolgen und diesen mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit vereinen – ist es oftmals extrem schwierig an Geldmittel zu kommen, vor allem in der Gründungsphase. Das liegt daran, dass Banken als Finanzierer in der Regel ausfallen, weil sie sich nicht um frühphasige oder vermeintlich riskante Geschäftsmodelle kümmern. Auch Mikrofinanzunternehmen sind aufgrund der oft horrenden Zinsen meist keine Alternative. Ein gesellschaftlich noch begrenztes Verständnis und die damit verbundene relativ geringe Akzeptanz für das social business Geschäftsmodell kommen als weitere Hindernisse noch hinzu.

Genau hier setzt YSB an, welches langfristig in junge Sozialunternehmen investiert und diesen darüber hinaus in Bereichen wie technisches Know-How, Marktzugang, Beschaffung & Vertrieb und allgemeiner Strukturaufbau beratend zur Seite steht.

Gegründet vor 10 Jahren hat YSBs Unternehmensportfolio nach eigenen Angaben ein neues Einkommen für 1,3 Millionen Menschen geschaffen, die von den geförderten Sozialunternehmen beschäftigt werden. Darüber hinaus haben diese Unternehmen das Leben von über 17 Millionen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen verbessert, indem sie ihnen erschwingliche und einfach zugängliche Produkte und Dienstleistungen in Bereichen wie zum Beispiel Trinkwasserversorgung, Gesundheitsfürsorge, Bildung und Nahrung/gesunde Ernährung anbieten.

In Uganda hatte ich nun die Möglichkeit, drei solcher Sozialunternehmen zu besuchen und deren Gründer*innen, Beschäftigten und Kund*innen näher kennenzulernen. Angekommen in Ugandas Hauptstadt Kampala ging es in die Stadt Jinja, malerisch gelegen am Weißen Nil, der sich durch das nimmersatte Grün Ost-Ugandas schlängelt und sich im Sudan schließlich mit dem Blauen Nil vereinigt.  

Inmitten der malerischen Landschaft Ost-Ugandas liegt der Sitz des Sozialunternehmens Bio Green Energy (BGE), welches einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat. BGE produziert und vertreibt  umweltfreundliche Briketts, hergestellt aus recycelten Bioabfällen. 

Damit löst das Unternehmen mehrere Probleme auf einmal: Zum einen haben BGEs Kund*innen nun einen erschwinglichen Zugang zu recyceltem und lange brennenden Brennmaterial und sind damit nicht mehr darauf angewiesen, die lokalen Wälder auf der Suche nach Brennholz zu rohden. Zum anderen löst die Nutzung von rauchfreien Briketts eines der dringendsten öffentlichen Gesundheitsprobleme auf dem afrikanischen Kontinent: Luftverschmutzung in Innenräumen durch ineffiziente traditionelle Holzöfen und das Kochen auf offener Flamme. Die langfristige Folge sind starke Rauchvergiftungen, die oftmals bis zum Tod führen. 

BGEs Briketts, die bereits von mehr als 20000 Menschen aus benachteiligten Verhältnissen erworben wurden, haben das Potenzial, dieses Szenario nachhaltig und auf breiter Front zu verändern. Deshalb ist BGE ein eindrucksvolles Beispiel für mich, wie auf unternehmerische Art und Weise ein sozialer und umweltfreundlicher Mehrwert geschaffen wird.  

Ein weiteres Beispiel hierfür ist Acila Enterprises (AE). Das Sozialunternehmen arbeitet mit mehr als 9000 Kleinbauern zusammen, viele davon sind Frauen. Ziel des Unternehmens ist es, den Kleinbauern ein verlässliches und angemessenes Einkommen zu ermöglichen. Dafür stellt AE verbessertes Saatgut zur Verfügung, stattet die Bauern mit modernem Equipment aus und bietet Training und Schulungen zu effizienteren Anbaumethoden an. Die von den Kleinbauern so kultivierten Erzeugnisse wie Sojabohnen, Hirse und Reis werden dann zu einem fairen Preis von AE gekauft und an Großmärkte im ganzen Land weiterverkauft. 

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir hier die Begegnung mit einem Kleinbauern, der durch das Training von AE neue Anbaumethoden anwendet und effektivere Düngemittel einsetzt, was seine Erträge nachhaltig gesteigert hat. Dadurch ist er momentan in der Lage, auf einem kleinen Stück Land von etwa 1,6 Hektar seine Frau und 8 Kinder zu ernähren. Dennoch sorgt er sich um die Zukunft seiner Familie, da das Stück Land bei Weitem nicht ausreicht, um später einmal auf alle 8 Kinder aufgeteilt zu werden. Für seine Kinder wünscht er sich vor allem eines: Einen „white collar job“, also nach dortigem Verständnis einen Beruf abseits des harten Farmerdaseins.

Interessant an dem Besuch bei Acila Enterprise war auch, dass dies ein Unternehmen ist, welches schon seit längerer Zeit mit YSB zusammenarbeitet und den break-even demnächst geschafft haben wird. Damit ist AE bald in der Lage, das investierte Geld mit geringer Verzinsung an YSB zurückzuzahlen, welches dann wiederum in neue, noch relativ am Anfang stehende Sozialunternehmen investiert wird. So wird jeder gespendete Euro mehrfach verwendet.

Ein noch junges Unternehmen in das YSB gerade erst investiert hat ist die Eastern Agriculture Development Company (EADC), das dritte und letzte Sozialunternehmen auf meiner Uganda Reise. Hier hat mich, ähnlich wie bei Bio Green Energy, der ganzheitliche, vorausschauende Ansatz des Unternehmens begeistert.

Sheila Alumo, die Unternehmensgründerin von EADC, stammt selbst aus ärmlichen Verhältnissen und musste sich schon in jungen Jahren um den Lebensunterhalt ihrer Familie kümmern als die Eltern starben. Doch trotz aller widriger Umstände schaffte sie es, als erfolgreiche Anwältin in Kampala zu arbeiten. Sheilas Hauptantrieb ist es aber, ihre lokale Gemeinde zu unterstützen und besonders den vielen Kleinbäuerinnen in der Umgebung dabei zu helfen, ein höheres Einkommen zu erwirtschaften. Dies alles setzt sie nun mit ihrem sozialen Geschäftsmodell erfolgreich in die Tat um.

Die Idee für ihr social business kam Sheila als sie bemerkte, dass kaum jemand in ihrer Gemeinde Bohnen anbaute, obwohl diese relativ wenig Wasser verbrauchen und viel Protein und Eisen bieten – in einer Region in der viele Menschen unter Mangelernährung leiden ein großer Mehrwert. Eines der Hauptprobleme für den gewinnbringenden Anbau von Bohnen ist, dass sich nur begrenzt Abnehmer*innen hierfür finden. Dies liegt vor allem daran, dass herkömmliche Bohnen in der Dose zu teuer für die lokale Bevölkerung sind. Zudem ist die Kochzeit für Bohnen extrem lang, es wird sehr viel Brennmaterial benötigt, was wiederum viel Energie verschwendet. 

Das Geschäftmodell von Sheila Alumo ist so einfach wie genial: Den Kleinbauern und vor allem Kleinbäuerinnen wird kostengünstiges Saatgut für eine besonders trockenheitsresistente und eisenreiche Bohnensorte angeboten. Mit Hilfe von Trainings und Workshops lernen die Bauern und Bäuerinnen besonders effektive und ertragreiche Kultivierungsverfahren kennen und beginnen mit dem Bohnenanbau. Alle Kleinbauern (bisher mehr als 3500), die mit EADC zusammenarbeiten, können die Bohnen dann zu einem fairen Preis an das Sozialunternehmen verkaufen. Die Bohnen werden anschließend vorgekocht, eingeschweißt und zu einem für die lokale Bevölkerung erschwinglichen Preis verkauft.

Zusammengefasst bietet Sheilas Ansatz eine Win-Win-Win Situation: Kleinbäuerinnen erhalten ein zusätzliches und verlässliches Einkommen durch den Anbau von Bohnen; die lokale Bevölkerung, vor allem aus den ärmeren Schichten, erhält einen erschwinglichen Zugang zu nahrhaften Essen; und die Umweltbelastung wird durch die geringere Kochzeit  der vorgekochten Bohnen – 15 Minuten anstatt 2 Stunden – deutlich reduziert.

Der Besuch dieser drei Unternehmen, das Kennenlernen ihrer innovativen Geschäftsmodelle und die vielen Gespräche mit den Unternehmer*innen und der lokalen Bevölkerung haben mich auch darin bestärkt, unser Engagement im Bereich social business weiter auszubauen. 

Für die knodel foundation ist es wichtig, Ansätze zu fördern, die es den Menschen vor Ort ermöglichen, ihre eigenen Probleme zu lösen und neue transformative Ideen, zugeschnitten auf den lokalen Kontext, umzusetzen. Mit dem social business Modell kann dies auf nachhaltige Art und Weise gelingen, indem sich Sozialunternehmen idealerweise nach einiger Zeit und einer gewissen Anschubhilfe selbst tragen und eine Gewinnmarge erzielen, die es ihnen erlaubt, unabhängig von immer neuen Spendengeldern zu werden.      

Die gerade gestartete Zusammenarbeit mit YSB ermöglicht es uns dabei auch Kleinstunternehmen und deren Ideen zu unterstützen, die wir anderweitig gar nicht erst ausfindig machen könnten. YSB hat in jedem Land, in dem es aktiv ist, eigene Mitarbeiter*innen, die vielversprechende Sozialunternehmen identifizieren, die Kontakte herstellen und insgesamt unglaublich gut vernetzt sind. Dies ist mir während meiner Reise immer wieder aufgefallen. So besitzt der Direktor von YSB in Uganda, Richard Tugume, ein unglaublich tiefes Verständnis der jeweiligen Geschäftsmodelle, verfügt über ein sehr umfangreiches Wissen im Agrarsektor und kann auf ein extrem großes Netzwerk im Land zurückgreifen.

Ein weiterer Vorteil unserer Zusammenarbeit mit YSB besteht darin, dass jeder von der knodel foundation gespendete Euro mehrfach verwendet wird und somit ein dauerhafter Kreislauf mit Multiplikator-Effekt entsteht. Nachdem ein gefördertes Unternehmen sein Darlehen mit geringer Verzinsung an YSB zurückgezahlt hat, wird das Geld direkt wieder in neue Sozialunternehmen investiert die noch am Anfang ihrer Reise stehen und das Potenzial haben, das Leben von Tausenden Menschen aus benachteiligten Verhältnissen langfristig zu verbessern.

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